„Darf man das auslecken?!” – die Geschichte einer kulinarischen Überzeugungsreise

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*Sterneküche für zu Hause?!* Als ich letzte Woche die „Mein Lokal, dein Lokal“-Folgen aus Heidelberg und Umgebung bei Kabel 1 sah, lief mir regelmäßig das Wasser im Mund zusammen. Deshalb war die Freude umso größer, als mich die Heidelberger Schlossgastronomie fragte, ob ich Lust hätte, Martin Scharffs “Gewinnermenü-To go” (eine Auswahl der besten Gerichte aus der Sendung für zuhause) zu testen. Klar, logo, was ne Frage!!

Auch der Freund ist sofort Feuer und Flamme, denn er darf mitmachen. Leise Zweifel, ob jener – der zwar gerne isst und auch selbst gut kocht, mit gehobener Küche aber wenig anfangen kann – als Sparring-Partner in dieser Sache geeignet ist, regen sich, als er meine Mühen, eine weiße Tischdecke aufzutreiben, mit einem amüsierten Lächeln quittiert. Schließlich ist es des Mannes Mutter, die für mich ein entsprechendes Tischkleid bereithält.

Um auch wirklich alles zu testen, ordern wir das Menü einmal in der vegetarischen Version und einmal mit Fleisch. Der Blick auf die Karte klingt verheißungsvoll – 6 Gänge, davon 2 x Dessert, wie cool ist das denn? Und die Frage aller Fragen beim Thema Sterneküche: „Wie groß sind die Portionen und wird man davon satt?“ Spoiler: Ja. Ächz.

Hier die Menüs (links mit Fleisch, rechts vegetarisch, Klick aufs Bild zum Vergrößern):

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17:45 Uhr: Ich bin geduscht und geschminkt und der Tisch ist festlich gedeckt, als ich aus dem Bad ein Brummen höre. “Der wird sich doch für ein Abendessen zuhause nicht etwa außer der Reihe rasieren?” denke ich, über den – aus meiner Sicht sehr schönen, aber in der Regel stylingfaulen Liebsten – staunend.

18:11 Uhr: Ein frisch rasierter Mann im Hemd (ich komme aus dem Staunen nicht heraus) betritt das Wohnzimmer und wir schauen zur Einstimmung die entsprechende „Mein Lokal, dein Lokal“-Folge in der Mediathek. Die Raffinesse und das Handwerk hinter den Gerichten wecken das Interesse des Freundes und in mir wächst die Hoffnung, dass er doch Spaß an der Sache haben könnte. Die Folge könnt ihr hier ansehen (kurze Anmeldung in der Mediathek erforderlich).

Lieferung Schlossweinstube
© HeidelMag

18.30 Uhr: Auf die Sekunde pünktlich klingelt es an der Tür – Restaurantleiter Mike höchstpersönlich, welche Ehre! Er lacht, als er schwer beladen das Wohnzimmer betritt und seinen Chef im Fernsehen sieht: „Den habe ich doch gerade in der Küche gelassen!“ Unser Dinner-Equipment ist umweltfreundlich in zwei Chafing-Dishes mit Brennpaste und einer großen Styroporkiste verpackt, in der sich viele Weckgläser befinden (wird am nächsten Tag alles wieder abgeholt). Mike erklärt uns, in welchem Schälchen sich was befindet und überreicht uns eine Anleitung und eine Menükarte, signiert vom Chef.

Anmerkung: Wem die Extrakosten für die Lieferung zu viel sind, der kann das Menü einfach im Drive-In am Schloss abholen. Uns wurde der Lieferservice netterweise gesponsert.

18:50 Uhr: “Alexa, spiel’ klassische Musik!”, befiehlt der Freund und sehr hungrig starten wir mit der ersten Vorspeise: Dreierlei vom Bachsaibling (s. Titelbild) und – auf der vegetarischen Seite – Zucchiniröllchen mit Auberginentatar. Wir picken und schmecken und kosten und sind hin und weg: so viele verschiedene Geschmackseindrücke in nur einem kleinen Gericht!

Eigentlich muss ich zum Geschmack der folgenden Gänge nicht mehr viel sagen, denn dieses Fazit zieht sich komplett durch. Der Gang, den wir „so lala“ finden, kommt einfach nicht. Ich selbst bin sowieso ein sehr wohlwollender Auswärtsesser, aber dass auch mein Freund so begeistert ist, dass er am Ende die Schüsselchen ausleckt („Darf man das? Ach sieht ja keiner!“ -> Oooh doch, es war live auf Instagram zu sehen), das will wirklich was heißen!

Vorspeisen
© HeidelMag

20:00 Uhr: Nach einer weiteren Vorspeise (Ziegenkäse mit schwarzer Walnuss, sehr spannend!)  und einer sehr großzügig bemessenen Portion Suppe machen wir uns an die Zubereitung des Hauptgangs. Der Mann kümmert sich liebevoll ums Fleisch, während ich die Suppenteller spüle. Was dann auf den Tisch kommt, ist großartig. Generell liebe ich gut bürgerliche Küche – wenn sie dann noch ein bisschen raffiniert daherkommt, wie in diesem Fall, bin ich sehr glücklich. Das Dreierlei von der Zwiebel und die selbstgeschabten Spätzle zum Rostbraten zusammen mit der unfassbar geschmacksintensiven Jus sind ein Gedicht.

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© HeidelMag
Hauptgang_Tisch
© HeidelMag

Die Portion ist riesig! Wir teilen sie, denn wir haben ja noch den vegetarischen Hauptgang. Doch, oh Schreck – den schaffen wir danach nicht mehr und daran ändern auch großes Mitleid mit den gerösteten Kürbisspalten und ein Verdauungsspaziergang nichts.

21:15 Uhr: Wir gehen also direkt zu Dessert Nr. 1 über. Das zweite müssen wir (wie den vegetarischen Hauptgang) auf den nächsten Tag verschieben – wir können einfach nicht mehr. Das liegt auch ein wenig daran, dass wir in dieser Woche ein paar Tage gefastet haben und unsere Körper etwas „entwöhnt“ sind. Trotzdem lässt sich ohne Zweifel sagen: Sterneküche macht in diesem Fall wirklich satt.

Der Heidelberger Studendentenkuss besteht hauptsächlich aus Nougat und zergeht samtig weich auf der Zunge. Dazu gibt’s eine Art Mus von der Blutorange, eine knusprige Orangenscheibe und Winzersektsorbet. Letzteres schmeckt mir, der Freund ist vom Sorbet nicht ganz so begeistert, findet aber den Nougat toll. Naja, mehr für mich :).

Dessert 1
© HeidelMag

Unser einziger wirklicher Verbesserungsvorschlag: Ganz ohne eigenes Zutun geht es natürlich nicht, sechs anspruchsvolle Gänge zuhause richtig temperiert und hübsch serviert auf den Tisch zu bringen. Das ist kein Problem und macht uns viel Spaß. Aber die Anleitung könnte aus unserer Sicht etwas ausführlicher sein – vor allem, was den Hauptgang betrifft. Beispiel: „Kommen die Zwiebeln, die sich im selben Einsatz wie der Rostbraten befinden mit zum Fertigggaren in den Backofen? Was passiert mit dem Toastbrot darunter?“ Und: Zum Schluss muss der Rostbraten kurz in Butter geschwenkt in der Pfanne gebraten werden. Die Butter ist jedoch nicht dabei und wer gerade zufällig keine im Haus hat, könnte sich hier ein wenig ärgern.

Aus unserer Sicht wäre es sinnvoll, zu jedem Gang eine kurze Anleitung beizulegen, einfach zur Sicherheit. Wer nicht täglich mit so vielen Zutaten zu tun hat, ist sonst schnell etwas überfordert mit der Fülle an Gläschen und Einsätzen.

Am nächsten Tag freuen wir uns über ein mittlerweile etwas lappriges aber immer noch sehr leckeres vegetarisches Mittagessen. Da es ja nur eine Portion ist und wir nicht gefrühstückt haben, gibt’s noch einen Salat dazu. Es folgt Dessert Nr. 2 und das wurde für meinen Freund erfunden. Er genießt mit allen Sinnen und kommt aus dem “uh, oh, wow” nicht mehr heraus. Aber er hat Recht: das lauwarme, halbflüssige Schokotörtchen (mit Olivenöl, aber das schmecken wir nicht raus) ist uns beim Aufwärmen in der Mikrowelle perfekt gelungen, dazu gibt es fruchtigfrische Ingwerbirne und cremiges Salzkaramelleis. Es. ist. so. lecker und wir sind zum zweiten Mal innerhalb von 24 Stunden richtig glücklich satt.

Dessert 2
© HeidelMag

Kurz zum Preis: Ein Schnäppchen ist der Genussabend nicht. Das 6-Gang-Sternedinner inkl. einer Flasche Wein kostet 89 € pro Person. ABER: Hochwertige Zutaten mal sechs, Kreation, Produktion, Anrichten und Verpacken, die Flasche Wein… Wer kurz überschlägt stellt fest, dass der Preis durchaus angemessen ist. Der Service, den man sonst im Restaurant genießt, wird (wenn man es richtig anstellt und Spaß daran hat!) durch die Vorteile der heimischen Umgebung ausgeglichen: die Vorfreude beim Tisch herrichten, schickes Oberteil zur Jogginghose, die selbstgewählte Pausenlänge zwischen den Gängen, was man nicht schafft auf morgen verschieben…

Aus unserer Sicht in der eintönigen Coronazeit ebenfalls ein großer Pluspunkt: Das Menü ist ein abendfüllendes Genuss-Programm! Das erläutert der Freund am Abend auch seinen Eltern im Rahmen eines einstündigen Telefonats. Am Ende der Lobtirade steht eine Bestellung fürs nächste Wochenende – der Mann hat Influencer-Potential. Und ich die Hoffnung, dass wir künftig häufiger nett essen gehen. 🙂

Mein Fazit: Wir haben einen grandiosen Abend! Anders als im Restaurant aber ebenso gut. Wenn ihr Spaß an kreativer Küche habt (oder die Sterneküche mal ganz entspannt ausprobieren möchtet), lohnt sich der etwas tiefere Griff ins Portemonnaie für diesen kulinarischen Erlebnisabend wirklich. Wir geben 10 von 10 Punkten.

Meistens weiß man ja vorher nicht, was einen erwartet und ob es die Kohle wert ist – in diesem Fall habt ihr jetzt also einen großen Vorteil und die Chance euch ein Dinner fürs kommende Wochenende (12. + 13.3.2021) zu sichern! Danach ist nämlich Schluss mit dem „Mein Lokal, dein Lokal“-Gewinnermenü.

Hier könnt ihr das “Mein Lokal, dein Lokal”-Gewinnermenü bestellen!
Marlen Schneider
Marlen Schneider

Schön, dass du hier bist! Ich bin Marlen und wohne in Heidelberg. Aus der Pfalz kam ich 2009 an den Neckar und habe hier eine zweite Heimat gefunden. HeidelMag ist meine journalistische Spielwiese – mal objektiv, meist subjektiv und angeblich manchmal unterhaltsam.

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