„Er geht arbeiten, Sie bleibt zu Hause“ – von unbezahlter Care-Arbeit und den Konsequenzen

Blogbeitrag-GenderGap_1170x600

Wo das finanzielle Gefälle zwischen Frauen und Männern seinen Ursprung hat, wurde mir klar, als ich Mutter wurde. Nachdem ich die Statistiken zum Gender Pension Gap durchdrungen hatte, fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Die geschlechtsspezifische Rentenlücke (Gender Pension Gap) liegt bei ca. 40 %! Im Klartext bedeutet das, dass eine Frau im Durchschnitt rund 800 € Rente bekommt und ein Mann im Durchschnitt rund 1300 €. Woran liegt das? Leisten Frauen tatsächlich viel weniger in ihrem Leben?

Es gibt einen Zeitpunkt, an dem die sogenannte Rentenschere auseinander geht: Mit ca. 30 Jahren bekommen viele Frauen ihr erstes Kind. Natürlich können die Kinder nichts dafür – aber unser System benachteiligt Eltern und gerade Mütter sehr. Als ich merkte, worauf wir Frauen uns häufig finanziell einlassen, wenn wir Mutter werden, wurde ich wütend. Doch was passiert da genau?

Seinen Anfang nimmt das ganze bei der Familienplanung und dem Gespräch darüber, wer „zu Hause bleibt“ und wer „weiter arbeiten“ geht. Die meisten Paare entscheiden danach, wer mehr verdient.

Tatsächlich verdienen Frauen 21 % weniger als Männer. Achtung: Hier müssen wir die „unbereinigte“ Zahl des Gender Pay Gap heranziehen, weil Paare meistens nicht den gleichen Beruf mit der gleichen Position ausüben. Innerhalb der Berufe liegt die durchschnittliche Differenz bei 6 %. Damit liegen wir auf einem der letzten Plätze im EU-Vergleich.

Ein Beispiel einer klassischen Familie:

Frau Weber arbeitet als Altenpflegerin, Herr Weber als Chemikant bei einem großen Chemiekonzern. Wer wird wohl eher nur in Teilzeit zurück in den Job gehen, und wer schnellstmöglich in Vollzeit weiterarbeiten? Wahrscheil wird Herr Weber Vollzeit arbeiten und Frau Weber nach einigen Jahren zu Hause nur in Teilzeit. Die Folge ist klar: Wer weniger verdient und dazu nur in Teilzeit arbeitet, bekommt auch weniger Rente.

In Deutschland gibt es einige Faktoren, die diesen typischen Verlauf der Familiengründung fördern. Dazu aber später mehr, denn jetzt haben wir ein Problem!

Genauer gesagt hat frau ein Problem. Und zwar dann, wenn es ernst wird:

In einer Familie herrscht nicht immer Friede-Freude-Eierkuchen. Auch Paarbeziehungen geraten mal an ihre Grenzen. Spätestens dann fragt sich manche Mutter: „Was wäre, wenn ich mich trennen möchte? Wie soll ich von meinem Teilzeit-Gehalt als Altenpflegerin die Miete bezahlen? Wie das Leben mit Kindern finanzieren? Wieviel Rente hätte ich später zum Leben?“ Spätestens dann müssen sich viele Frauen eingestehen: „Ich bin abhängig von meinem Partner“. Und das ist eine echt bittere Pille.

„Care-Arbeit“ wird nicht bezahlt

Es ist demütigend, wenn wir zurück schauen auf das, was wir als Mutter geleistet haben. Wir geben unser Bestes als Mama, haben uns die Nächte um die Ohren geschlagen, unsere Ansprüche zeitweise auf die wichtigsten Grundbedürfnisse reduziert (länger als 5 min duschen, wie soll das gehen?). Doch die sogenannte Care-Arbeit wird leider nicht bezahlt.

Und ein Lächeln auf dem süßen Babymündchen lässt unser Herz zwar höher schlagen, aber es erzeugt leider keinen Euro auf unserem Konto.

Es ist ungerecht und wir tappen in eine Falle, wenn wir nicht schon bei der Familiengründung an eine mögliche Scheidung denken. Wir leben in dem Glauben, dass unsere Ehe nicht zu den 40 % gehört, die geschieden werden. Tatsächlich wäre die Scheidungsrate aber noch höher, wenn es nicht Frauen gäbe, die finanziell zu abhängig von ihrem Partner sind, um ihren eigenen Weg zu gehen.

„Hochzeit? Och nö!“ – Oder doch?

Ein Risiko besteht für Mütter aber auch durch den Trend nicht mehr zu heiraten. Auch wenn die Ehe für viele als verstaubt und altmodisch gilt, in einigen Bereichen bietet sie mehr Sicherheit für alle Beteiligten. In Deutschland leben wir in einer Zugewinngemeinschaft, das heißt, dass auch die Rentenpunkte 50:50 aufgeteilt werden, sollte es zu einer Scheidung kommen.

Wenn geheiratet wird, entsteht das Problem nach der Scheidung. Dann gibt es ganz unterschiedliche Ausgangssituationen für den restlichen finanziellen Werdegang von Männern und Frauen. Die Zugewinngemeinschaft ist gerade in den ersten Jahren mit Kindern ein wichtiger Faktor für die- oder denjenigen, der sich um Kind und Kegel kümmert.

Entschuldigen Sie, dass ich hier immer nur von Frauen in dieser Rolle spreche, natürlich gibt es finanzielle Abhängigkeit auch anders herum und dann ist das natürlich genau so tragisch.

Wie können Frauen, insbesondere Mütter, einer solchen Situation entgehen?

  1. Informieren und Aufklären
    Informieren Sie sich (!) über die finanziellen Konsequenzen beim Mutterwerden – und den damit verbundenen Entscheidungen.Die Berufswahl ist dabei ein vorgelagerter Faktor. Als Altenpflegerin ist es leider schwierig, überhaupt über die Runden zu kommen. Ebenso mit anderen Care-Berufen, wie zum Beispiel als Erzieherin oder auch Frisörin, usw. Aber dass gerade die wichtigen Berufe in unserer Gesellschaft oftmals die schlechter bezahlten sind, ist eine andere ungerechte Geschichte.
  2. Fehlanreize wie das Ehegattensplitting müssen unbedingt abgeschafft werden.
    Alleinverdiener-Ehen sind bevorteilt. Je größer die Einkommensunterschiede sind, desto höher sind die steuerlichen und damit finanziellen Vorteile. Anstiftung zur Altersarmut nennt das die Süddeutsche Zeitung.
  3. Die Elternzeit muss auf beide Elternteile aufgeteilt werden.
    Schweden macht es uns vor, hier gibt es verpflichtende Elternzeit-Monate für Väter und beide Partner können je 16 Monate Elternzeit nehmen.
  4. Kommunikation mit dem Partner/der Partnerin
    Sprechen Sie miteinander. Wichtig ist der unaufgeregte, sachliche Dialog eines Paares auf Augenhöhe.
  5. Die Bezahlung der Care-Arbeit einfordern
    Würden Mütter, wie in der freien Wirtschaft, entsprechend ihrer Aufgaben, Verantwortung und ihrem Zeitaufwand bezahlt, würde das einem Richtergehalt entsprechen. Das wäre vielleicht eine recht hohe Forderung an Politik und Gesellschaft, aber ein Grundeinkommen für Erziehende von monatlich 1000 € zum Beipiel wäre doch mal ein guter Anfang.
Was kann ich als Mann tun?

Auch Sie können einen großen Teil zu mehr Gerechtigkeit beitragen!

  1. Die Elternzeit beim Arbeitgeber selbstbewusst einfordern – auch über die zwei bezahlten Monate hinaus.
  2. Zusammen mit der Partnerin/dem Partner über die finanziellen Einbußen sprechen, diese konkret berechnen und gegebenenfalls für einen Ausgleich sorgen.

Fazit: Viele Paare wünschen sich eine 50:50 Aufteilung im Berufs- und Familienleben. Leider ist das ökonomisch gesehen oft nicht der cleverste Weg und das hält die meisten von diesem Lebensmodell ab. Eine Lösung kann der finanzielle Ausgleich des/der Daheimbleibenden sein. Dazu ist es wichtig, dass sich die Partner auf Augenhöhe begegnen und sachlich diskutieren – am besten, solange noch Friede-Freude-Eierkuchen herrscht.

Für mich sind die Aufklärung und die Lösungsansätze zum Gender Pay/Pension Gap zur Herzenssache geworden. Als Scheidungskind sind mir diese Rollenbilder nämlich schon einmal im Leben sauer aufgestoßen. In meinem Leben konnte ich bisher diesen Weg verhindern, habe trotz Kind und Familienleben studiert und mich mit InvestmentMama selbständig gemacht.

Ich möchte alle dazu ermutigen, sich ihrer Finanzen anzunehmen und eine (gerechte) Bezahlung der Care-Arbeit einzufordern. Break the rules!

Wertvolle Links und Quellen:
1. Der Gender Care Gap besagt, dass Frauen im Alter von 34, mehr als doppelt so viel Care-Arbeit leisten wie Männer: https://www.bmfsfj.de/bmfsfj/themen/gleichstellung/gender-care-gap/indikator-fuer-die-gleichstellung/gender-care-gap—ein-indikator-fuer-die-gleichstellung/137294
2. https://ec.europa.eu/eurostat/de/web/products-eurostat-news/-/DDN-20200207-1

Nathalie Röder

Nathalie Röder aus Schwetzingen hat ihr Herzensthema zum Beruf gemacht. Mit ihrem Unternehmen InvestmentMama verhilft sie anderen Frauen (und sich selbst) zur finanziellen Unabhängigkeit und klärt auf über finanzielle Gewalt, festgefahrene Rollenbilder in der Erziehung und Gesellschaft und den Gender Pension Gap.

2 Comments

Leave a Reply

Your email address will not be published.