Der HeidelMag-Brötchenexpress – Haar- und Bartschneideaktion im Wichernheim (+ Interview mit Andreas Schubert)

[Werbung, da Sponsorennennung] / Titelbild: © Diana Pfeifer Photography

Zum Frisör gehen die meisten Menschen gerne. Entspannt daliegen, während geübte Finger die Kopfhaut massieren, zuschauen, wie kaputte Haarspitzen fallen und das locker-luftige Gefühl obenrum beim Verlassen des Salons. Ich zumindest liebe es.

Dabei vergisst man schnell, dass der Frisörbesuch – und sei er nur gelegentlich – für viele Menschen eben nicht selbstverständlich ist. Das locker-luftige Gefühl obenrum kostet nämlich Geld. Und das nicht zu knapp.

Von der Haar- und Bartschneideaktion, die im Juli in Heidelberg stattfinden sollte, habe ich durch Facebook erfahren. Dort wurde nach Helfern gesucht. Ein kostenloser Frisörbesuch für obdachlose und bedürftige Menschen – das fand ich eine tolle Idee.

Veranstaltet wurde die Aktion von der gemeinnützigen Initiative Herzlichter Heidelberg in Kooperation mit dem Wichernheim in der Heidelberger Plöck.

Da sich meine Haarschneidefähigkeiten in Grenzen halten, fragte ich, ob ich die Organisatoren auch verpflegungstechnisch unterstützen könnte. Das kam gut an und die Wahl fiel auf belegte Brötchen. Die machen satt, lassen sich gut vorbereiten und können auch problemlos mitgenommen werden.

Da weder die Organisatoren, noch ich eine Vorstellung davon hatten, wie viele Gäste an diesem Tag kommen würden, legten wir das Brötchenschmierziel einfach mal auf 150 Stück fest. Dass das zeitlich gesehen ziemlich ambitioniert war, wurde mir erst klar, als ich weiter darüber nachdachte… Aber versprochen ist versprochen und so schloss ich einen Deal mit dem Mitbewohner: Brötchenschmieren gegen Partyvorbereitungshilfe – Pauls Abschiedsparty sollte nämlich am gleichen Abend stattfinden. Das versprach also ein spannender Tag zu werden.

Leider ist das HeidelMag-Budget doch noch relativ begrenzt, deshalb schrieb ich einige Bäckereien, Käsefachgeschäfte und Metzgereien an und fragte ganz nett und vorsichtig nach Lebensmittelspenden. Zugegeben: Ich war spät dran. Aber ich hatte Erfolg!

Die HeidelMag-Sponsoren

Am Vorabend der Aktion durften wir beim Käsefachgeschäft „Kücherer’s Käseecke“ in Heidelberg-Handschuhsheim 2 kg gemischten Käse in Empfang nehmen. Herzlichen Dank an Frau Clormann, die Menge war genau richtig!

Riesiges Engagement zeigte auch die „Bäckerei Heiß“ aus Schriesheim. Ich konnte es kaum glauben: ganze ZWEI SÄCKE gemischte Brötchen, genau 150 Stück, holte ich an diesem Freitagmorgen in Schriesheim ab! Eine leckere „gedrudelte Körnerbrötchenstange“ für den Mitbewohner und mich war auch dabei 😊. Wenn Ihr in der Ecke seid, schaut mal beim „Heißen Bäcker“ vorbei – ein wirklich sympathischer Familienbetrieb mit leckeren, hausgemachten Produkten.

Bäcker Heiß Schriesheim
Stefan Heiß – Der Heiße Bäcker / © HeidelMag

Dass sich keine der angeschriebenen Metzgereien zurückmeldete, liegt sicher auch daran, dass ich WIRKLICH spät dran war – umso dankbarer bin ich den beiden oben genannten Sponsoren für ihre Spontaneität!

Wurst, Tomaten, Gurken und Salat kauften wir selbst ein. Im Nachhinein erklärte sich jedoch mein Vater zum offiziellen Wurstsponsor (Danke Papa!).

Alleine schmiert sich’s einsam
© HeidelMag

Wer mit mir zusammen wohnt, muss ziemlich viel ertragen. Deshalb wähle ich meine Mitbewohner auch danach aus, wie sie (zumindest soweit man das vorab beurteilen kann) Extremsituationen gewachsen sind. Dazu gehörte in diesem Jahr auch die Brötchenschmieraktion der Superlative.

Für Paul, der von Oktober – Juli bei mir wohnte, war das Ganze eine willkommene Herausforderung. Lösungsorientiert durchs Jurastudium und gestählt im Schweizer Militär machte er sich bereits am Vorabend daran, alle Messer im Haushalt zu schärfen.

(Ich selbst bin aktuell zurückhaltend, was sehr scharfe Dinge betrifft. Das liegt daran, dass ich mir kürzlich eine schwerwiegende Verletzung zugezogen habe, die in Medizinerkreisen als Avocado-Hand bekannt ist.)

Während Paul schärfte, schnitt ich Tomaten und Gurken in Scheiben (für alle Nicht-Gastronomen: Vorbereitung (Mise-en-place) ist alles! Wir waren also bestens vorbereitet, als es am Freitagmorgen um 8 Uhr losging. 

HeidelMag Brötchen 2
© HeidelMag
Brötchenschmieren im großen Stil oder: Wie organisere ich ein Fließband?

Als gelernte Hotelfachfrau bin ich geübt, was die Zubereitung von Buffets, Canapés und belegten Broten im großen Stil betrifft – Ungeübte versinken bei der Menge wahrscheinlich erst einmal im Chaos. Ich aber hatte einen genauen Arbeitsplan ausgetüftelt und Paul gab sich alle Mühe, sich an meine manchmal etwas durcheinander durch die Gegend gequakten Anweisungen zu halten.

Wir schmierten also. Und schmierten. Und wurden dabei immer effizienter. Und müder. Irgendwann ließ die Lust deutlich nach (wie ihr auf dem einen Bild unschwer erkennen könnt), aber wir hielten durch. Und zwar beide – auch wenn es so aussieht, als sei Paul der einzige, der gerarbeitet hätte! 😀

Unsere Arbeit dokumentierten wir live auf Instagram – mehrere hundert Menschen sahen an diesem Tag unsere Bilder und Videos, die teilweise ganz schön bescheuert waren – aber auch unterhaltsam!

© HeidelMag

Letzten Endes dauerte unsere Aktion zwar eine halbe Stunde länger als geplant, aber wir erhielten zwischendurch spontan weitere Unterstützung durch einen Freund und pünktlich zur Mittagszeit machte sich der HeidelMag-Brötchenexpress auf den Weg.

Was erwartete uns vor Ort?

Das fragten wir uns natürlich auch. Gespannt und mit ein wenig Respekt näherten wir uns dem Wichernheim. Im wunderschönen Innenhof in der Plöck liefen bereits die mobilen Waschbecken heiß. Wobei heiß relativ ist, denn warmes Wasser war zwischendurch keines da. Aber auch dieses Problem wurde rasch gelöst. Der Andrang war größer, als ich es erwartet hätte. Unter einem eigens installierten Zelt arbeiteten mehrere Frisöre Hand in Hand – alle ehrenamtlich, bei fast 40 °C.

Wir lieferten unsere Brötchen ab und ich blieb noch eine halbe Stunde, um dem Treiben zuzusehen und mich mit Organisator Andreas Schubert bekannt zu machen. Länger konnte ich nicht bleiben, denn ich hatte ja einen Deal einzuhalten: Pauls Party wollte vorbereitet werden.

© Diana Pfeifer Photography

Dabei wurde ich übrigens von einer Redakteurin der Rhein-Neckar-Zeitung angesprochen. Den entsprechenden Artikel findet ihr hier.

Mein persönliches Fazit: Die Haar- und Bartschneideaktion hat an diesem Tag vielen Menschen geholfen. Mit Wärme, Zuwendung, Aufmerksamkeit, leckeren Brötchen – und dem locker-luftigen Gefühl obenrum.

Ich hoffe, dass sich viele Menschen von solchen Aktionen inspirieren lassen, auch selbst künftig mehr für jene Mitmenschen zu tun, die es im Leben nicht so viel Glück hatten.

Und: HeidelMag wird auch in Zukunft gemeinnützige Aktionen kulinarisch  unterstützen. Wer Interesse hat, sich einzubringen (als Sponsor oder Küchenhilfe 😉) darf sich gerne bei mir melden!

 


Bitte weiterlesen

Andreas Schubert

Jetzt wird es leider ernst. Manchmal ist das Leben nämlich schön – und manchmal ist es einfach verdammt ungerecht.

Bereits während der Vorbereitungen der Haar- und Bartschneideaktion klagte Organisator Andreas Schubert in der entsprechenden Facebook-Gruppe über schlimme Rückenschmerzen. Dennoch arbeitete er unermüdlich, um der Sache zum Erfolg zu verhelfen.

Traurig aber wahr: Im Anschluss an die Aktion war Andreas auf Facebook  Anfeindungen von verschiedenen Seiten ausgesetzt – die größtenteils jeder Grundlage entbehrten und mir wirklich in der Seele weh taten.

Wieder einmal zeigte sich, wie viel weniger respektvoll sich Menschen im  Internet verhalten. Das hat mich persönlich sehr erschüttert.

Andreas selbst blieb keine Zeit mehr, sich darüber zu ärgern. Er starb am 3.9.2018 an Krebs – nur wenige Wochen nach der Diagnose.

Liebe Menschen da draußen: Bitte geht respektvoll miteinander um. Auch im Internet. Würdigt Engagement und Herzblut. Äußert Kritik konstruktiv und höflich. Gebt anderen Menschen ein gutes Gefühl, wann immer ihr könnt. Wir haben alle nur dieses eine Leben und kein Mensch weiß, wann das seine – oder das des Gegenübers – vorbei ist.

Das folgende Interview konnte ich kurz nach der Veranstaltung mit Andreas führen. Ich veröffentliche es in seinem Gedenken (auch wenn einige Infos zur Zukunft des Vereins aufgrund der Umstände nun sicher nicht mehr stimmen).



Interview mit Andreas Schubert

Bitte erkläre in wenigen Worten, worum es bei der Aktion ging.

Es geht darum, den Menschen am Rande unserer Gesellschaft etwas Selbstwertgefühl zurückzugeben. Wie wir bei der Aktion im Wichernheim erlebt haben, funktioniert das wunderbar.

Wie kamst du dazu, diese Aktion auszurichten?

Durch meinen Kontakt zur Barber Angels Brotherhood e. V. wollte ich diesen Verein bereits darin unterstützen, für deren Einsätze nach einem geeigneten Location-Partner Ausschau zu halten. Als ich vor ein paar Wochen Mayas Zehnigs Ankündigung in der FB-

© Diana Pfeifer Photography

Gruppe „Heidelberger“ gelesen hatte (noch ohne Uhrzeit und Austragungsort, dafür aber mit Maniküre und Pediküre, was nicht wirklich funktioniert hätte), wollte ich ihr mit Rat und Tat beiseite stehen, um sie organisatorisch in die optimale Bahn zu lenken.  Durch ihren gesundheitlichen Ausfall stand ich nach ein paar Tagen alleine mit der Planung und Organisation da.

Was hat es mit Herzlichter auf sich? Wie weit ist die Vereinsgründung fortgeschritten?

Wir (Maya und ich) werden uns in den kommenden Wochen nach fünf weiteren Gründungsmitgliedern umschauen, bei denen die Wellenlänge/Chemie passt und dann wird gegründet.

Herzlichter wird nicht nur Aktionen für Obdachlose durchführen … auch was z. B. Kinder (inkl. krebskranker Kinder, etc.) betrifft, habe ich bereits recht rasch Ideen für sinnvolle Aktionen ausgebrütet.

Wie wurde die Location „Wichernheim“ festgelegt und wie verlief die Zusammenarbeit?

Die Zusammenarbeit verlief so, dass man es sich kaum besser vorstellen könnte und auch während der Aktion lief alles so ab, als hätten wir das gemeinsam schon mehrmals oder jahrelang durchgezogen. Das gilt auch für die 17 Friseure/innen und Helferinnen, von denen sich lediglich ein Bruchteil vorher kannte, und die wie ein lange eingespieltes Team agierten.Nach einigen Telefonaten mit anderen Institutionen/Einrichtungen war Brigitte Lorczyk vom Wichernheim die erste/einzige, die nach wenigen Sätzen von der Idee angetan war und schon in der Planungsphase war ich immer wieder begeistert von ihrem Entgegenkommen, dem Mitdenken und ihrem Einsatz für diese Aktion.

Was war die größte organisatorische Herausforderung?

© Diana Pfeifer Photography

Für einen Freitag genügend Friseure/innen zusammen zu bekommen, denn Freitag und Samstag sind nun mal für gewöhnlich die stärksten Tage in den Salons. Eine der selbstständigen Friseurmeisterinnen hatte sogar kurzfristig alle Kundentermine verlegt und ihren Salon am 20.07. geschlossen, um zusammen mit ihrer Auszubildenden an der Aktion teilzunehmen.

Was hat dich am meisten überrascht?

Dass 10 Friseur-Fachkräfte und 7 Helferinnen, die sich zu 95 % lediglich durch ein paar Kommentare in unserer Facebook Orga-Gruppe kannten, am Tag der Aktion ganz einfach und ohne jegliche Berührungsängste losgelegt haben. DAS zu erkennen, zu erleben und diese Stimmung dabei zu spüren, hat mir ebenso ein paar ausgiebige Gänsehaut-Momente bereitet wie die tolle Zusammenarbeit mit allen Wichernheimern. 

Was würdest du beim nächsten Mal anders machen?

Der nächste Einsatz wird definitiv an einem Sonntag stattfinden und alles was sonst noch ein bisserl Feintuning braucht, bezieht sich vor allem auf kleine Details wie die Optimierung der Wasserzufuhr und dem Wasserablauf im Waschbereich. Und wir wissen nun auch, dass bei einem noch größeren Ansturm 100 Handtücher nicht ausreichen werden.

Wie war das Feedback der Gäste?

Von begeistert und glücklich dreinschauend, nachdem sie sich erstmals wieder im Spiegel gesehen haben, bis hin zu Sturzbächen an Freudentränen.

Dein persönliches Fazit?

Es war schon aus emotionaler Sicht „weltbewegender“ als ich es mir im Vorhinein vorgestellt habe. Wäre ich  wirtschaftlich/finanziell völlig unabhängig, würde ich alle paar Tage solch eine Aktion an verschiedenen Orten durchführen. Wenn dann auch nur ein einziger Gast danach mit erhobenerem Haupt und gepflegtem Erscheinungsbild irgendwo vorstellig wird (Job, Zimmer/Wohnung), ist jeder Aufwand im Vorfeld und jeder Einsatz-Tag quasi „voll bezahlt“.


 

Danke Andreas.

Bildmaterial: © Diana Pfeifer Photography / Alle abgebildeten Personen haben ihr Einverständnis erteilt.

 

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